Das Kapital
Immer dollar
Amerika werde seine Bonitätsbestnote nie verlieren, meint US-Finanzminister Timothy Geithner. Das glauben wir ihm aufs Wort, denn bei einer Herabstufung könnten sich die Jungs und Mädels von den Ratingagenturen vermutlich auf Lynchjustiz gefasst machen. Doch nicht nur deswegen mutet die Flucht der Anleger in den sicheren Hafen des Dollar putzig an. Zumal dann, wenn als Grund der Schlamassel in Griechenland genannt wird, das nicht mal für drei Prozent des BIPs im Euro-Raum steht. Griechenland ist überschuldet, lebt über seine Verhältnisse, hat seine Wettbewerbsfähigkeit eingebüßt und fälscht seine Statistiken, heißt es. Dasselbe könnte man als exakte Beschreibung der USA anführen, mit dem Unterschied, dass in Amerika anders als in Griechenland auch der Privatsektor übel in der Kreide steht. Dass nicht nur Washington das Wasser bis zum Hals steht, sondern auch einigen Bundesstaaten wie Kalifornien, sei nur als Randnotiz erwähnt.
Weltreservewährungsemittent
Aber Amerika hat doch großartige Technologiefirmen hervorgebracht, nicht wahr? Zweifellos. Nur produzieren die lieber in Asien als in Amerika, denn selbst bei den sogenannten "Advanced Technology Products" hat das Land zwischen Januar und November 2009 ein Handelsdefizit von 51 Mrd. $ verzeichnet. Natürlich hat Europa seine eigenen - wirtschaftlichen wie institutionellen - Schwächen, nicht nur in der Peripherie, wo Griechenland, Italien, Spanien, Portugal und Irland für ein gutes Drittel des BIPs in der Euro-Zone stehen. Für keines dieser Länder - fraglich, ob Italien in diese Liste gehört - ist eine einfache Lösung der Probleme in Sicht, wobei der Ausstieg aus dem Euro oder die Einstellung des Schuldendienstes wohl zu den teuersten Varianten zählten. Im Gegensatz zu Amerika hat der Euro-Raum insgesamt jedoch Reserven, abzulesen etwa daran, dass die gesamtwirtschaftliche Bruttoersparnis um rund acht Prozentpunkte des BIPs höher ist als auf der anderen Seite des Atlantiks. Freilich hat Europa keine Zentralbank, die jedes Loch freimütig stopft. Doch falls das ein Argument für den Dollar sein soll, dann nur zu. Wir sind gespannt, wann die - angeblich hochproduktiven - US-Exporteure bei Geithner anklopfen, um lauthals zu jammern.
